Reibungsflächen und
Konfrontationen

Günter Behnisch war nicht um die Äußerung seiner Meinung verlegen. Dies zeigt sich besonders durch die Teilnahme und Initiierung öffentlicher Diskussionen, bei denen es häufig um die Transformation städtischer Räume ging. Er stellte sich vehement gegen restaurative Tendenzen in der Gesellschaft oder Situationen, in denen er diese in der Architektur wiederfand. Seine Kritik an der Postmoderne, der Wiederherstellung alter Strukturen und Achsen, an Monumentalität und Repräsentationsarchitektur führten zu Konfrontationen zwischen diversen Beteiligten und teilweise polemisch geführten Debatten in den Medien. 

So sagte er in einem Interview, dass Architektur „eben nicht durch Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit entweder des Bauherrn oder des Architekten“ entstehen sollte. Und weiter: „Sehnsucht nach der Historie ist keine Basis, auf der man eine Stadt bauen kann.“ (Interview mit Christian Schröder, in: Der Tagesspiegel, 1.8.1996)

Behnisch empfand wenig Sympathie für Berlin, das in seiner Erinnerung vor allem von den Nationalsozialisten geprägt war. Eines seiner letzten realisierten Gebäude war dann auch sein erstes in Berlin. Nur fünf Jahre vor seinem Tod wurde die Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin nach dem Entwurf von Günter Behnisch und Manfred Sabatke mit Werner Durth eröffnet.

Der Entwurf und besonders die Glasfassade führten gerade im Zusammenhang mit der Gestaltungssatzung zu heftigen Diskussionen und Verzögerungen. Besonders in Bezug auf die Interpretation des Begriffs der „Kritischen Rekonstruktion“ zeigten sich die gegensätzlichen Positionen klar. Die Rekonstruktionsdebatte um das Berliner Schloss beispielsweise, die, wie die um den Pariser Platz ebenfalls mit der Wiedervereinigung Deutschlands begann, führte erst im letzten Jahr zur Fertigstellung des Humboldt Forums.

„Für mich ist Architektur im höchsten Maße politisch und gesellschaftlich in einer Zeit, wo es uns aufgegeben ist, uns politisch zu arrangieren.“
Günter Behnisch 1981

Fußgängerbereich Königstraße und Schlossplatz

Stuttgart
1973-1980
Behnisch & Partner

1973 gewann das Büro Behnisch & Partner den Ideenwettbewerb zur Neugestaltung der stadtbildprägenden Fußgängerbereiche in und um die Stuttgarter Königstraße. Die lange, gerade Achse wurde durch die Pflanzung einer zweireihigen Allee und von Gruppen von Einzelbäumen, ein zusammenhängendes Pflaster und neue Beleuchtung zu einem lebendigen Stadtraum. Der Wegfall des Verkehrs vor dem Königsbau stärkte die Verbindung zwischen geschäftiger Straße und ruhigerem, begrüntem Platz. Parallel wurde auch die U-Bahn-Haltestelle Schlossplatz durch Behnisch & Partner realisiert.

Auch die Gestaltung des Schlossplatzes und des angrenzenden Ehrenhofs des Neuen Schlosses waren Teil des Wettbewerbs. Der Entwurf lehnte sich an den Gedanken Walter Rossows aus den 1940er-Jahren an, den „feudalen“ Hof für das „Bürgertum“ durch eine verbindende Grünfläche zu öffnen. Der Denkmalrat forderte jedoch die Wiederherstellung des Zustands aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Ehrenhof erhielt eine befestigte Oberfläche und wurde räumlich durch Kandelaber und Ketten abgetrennt. 

Diese Tendenzen waren für Behnisch Grund zur Sorge: „Das ist für mich ein Zeichen, [...] daß nicht nur Funktionen Formen produzieren, sondern auch Formen, wenn sie in einer geschichtlich-gesellschaftlich anderen Situation entstanden sind, ihre Funktionen restaurieren und deshalb restaurativ sind.“

Günter Behnisch im Gespräch mit Wolfgang Pehnt, in: Bauwelt, Heft 19/20, 1981

„Mit dem Begriff Stilpluralismus sollte man nicht alles entschuldigen können.“
Günter Behnisch 1978

U-Bahn-Station Schlossplatz in Stuttgart

Bei diesem Projekte waren viele Elemente nicht mehr beeinflußbar durch architektonische Überlegungen; sie waren fixiert von örtlichen Gegebenheiten und technischen Erwägungen: die Lage der Ausgänge vom Schloßplatz, Länge und Krümmung des Bahnsteiges von der Technik der Stadtbahn, Decke, Wände und Stützen von konstruktiven Überlegungen. Rolltreppen und andere technische Systeme schufen weitere Fixierungen.

Die fixierten Vorgaben, die u. a. in dicken, ebenen Decken und klobigen Stützen sich ausformten, wurde gegenübergestellt ein weitgehend frei ausgeformter, von Zwängen befreiter Raum. So sind runde, fließende Räume entstanden. Das Anderartige des Gebauten hier unter der Erde, wo es kein Dach und keine Fassade gibt, wird deutlich.

Die Materialien ergaben sich aus den speziellen Formen und dem Wunsche nach hellen, freundlichen, sauberen Räumen.

„Ich versuche, mich direkt gegen Administration, gegen Apparate zu stellen. Ich wende mich nur gegen die verschiedenen Wellen, wenn ich meine, darin totalitäre Tendenzen zu sehen. Und da muß ich meinen, daß diese Tendenzen von Welle zu Welle stärker geworden sind. Das macht mir wahnsinnige Angst.“
Günter Behnisch 1981

Wettbewerb Staatsgalerie/ Kammertheater

Stuttgart
1977
Behnisch & Partner, Kammerer, Belz & Partner

Gemeinsam mit Kammerer, Belz & Partner nahm das Büro Behnisch & Partner 1974 am deutschlandweiten Ideenwettbewerb „Erweiterung Landtag und Staatsgalerie“ in Stuttgart teil und erhielt einen der drei gleichberechtigten 1. Preise. Es kam zwar nicht zur Beauftragung, doch drei Jahre später zu einem neuen, international beschränkten Realisierungswettbewerb, zu dem neben den Preisträgern von 1974 vier internationale Büros eingeladen wurden. Der Kritik Behnischs und Kammerers zum Trotz wurde der Wettbewerb in der vorgesehenen Form durchgeführt. Im September 1977 ging das Projekt von James Stirling & Partner einstimmig als Sieger aus der Sitzung des Preisgerichts hervor. Das Gemeinschaftsprojekt unter Beteiligung von Behnisch erhielt den 3. Preis. 

Um die gegensätzlichen Entwurfsansätze entzündete sich eine Grundsatzdiskussion. Die Stuttgarter Architekturszene reagierte gespalten. Während einer Podiumsdiskussion am 15. November 1977 kam es zum direkten Schlagabtausch zwischen Behnisch und Stirling, bei der Behnisch heftig und polemisch reagierte. Dies brachte ihm wiederum harte Kritik ein, die nicht weniger polemisch verhandelt wurde. Zum Tode Stirlings hielt Behnisch eine Ansprache an der Akademie der Künste in Berlin, in der er die Ereignisse von 1977 aufgriff und seine damalige Haltung relativierte. 

„Der Geist der Zeit weist heute weniger in die Zukunft, er scheint sich gerade weniger der Seite der Freiheit, die auch Risiko bedeutet, zuzuneigen. Vielleicht ruhen wir uns gerade aus.“
Günter Behnisch 1978
„Moderne Architektur ist offen für alles. Von sich aus ist Architektur weder groß noch klein, weder umfassend noch beschränkt, weder Stein noch Stahl.“
Günter Behnisch 1978

Akademie der Künste zu Berlin-Brandenburg

Berlin
1994-2005
Behnisch & Partner, Werner Durth

Der Entwurf von Günter Behnisch und Manfred Sabatke mit Werner Durth setzte sich 1994 bei einem internen Wettbewerb unter Akademiemitgliedern durch. 1993 war die Vereinigung der Akademien der Künste in Ost-und West-Berlin vollzogen worden. Seitdem hatte auch das Ziel bestanden, an den historischen Standort am Pariser Platz 4 zurückzukehren. 

Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, war der Platz während der Teilung Berlins Teil des Grenzstreifens. Nach der Wiedervereinigung wurde der Wiederaufbau des Platzes – auch im Hinblick auf die geltende Gestaltungssatzung – kontrovers diskutiert. 

Der Baukörper der Akademie gliedert sich in drei Teile: einen rückwärtigen für Verwaltung und Archiv, einen mit den noch erhaltenen Ausstellungshallen sowie den Hauptbau, der diese umgibt. Die vor der Glasfassade zum Platz hin angebrachte Gitterkonstruktion zeichnet die Fassadengliederung und Proportion des ehemaligen Palais nach.

Projektarchitekt:
Franz Harder

„Sehnsucht nach der Historie ist keine Basis, auf der man eine Stadt bauen kann.“
Günter Behnisch 1996